Im letzten Teil gelang es mir, endlich das Passwort zu knacken, um persönlich in die Hölle zu gelangen und mit dem Teufel zu verhandeln, nachdem meine beiden Unterhändler bei ihrem Besuch nur Schwachsinn ausgehandelt hatten.
Ich war also einige Minuten lang bewusstlos und erwachte auf einem teuren Marmorboden. Das wunderte mich, denn laut dem Bericht meiner Unterhändler sollte in der Hölle so gut wie alles aus Stahl sein.
„Sie haben also das Passwort herausgefunden. Gratuliere!“, hörte ich eine tiefe männliche Stimme sagen. Ich blickte auf und sah, dass ich direkt vor einem sehr großen, protzigen Schreibtisch gelandet war. Und hinter diesem Möbelstück saß er. Der Fürst der Finsternis, mein Vertragspartner. Er lächelte leicht spöttisch. Ich rappelte mich schnell auf, um einen etwas würdevolleren Auftritt zu ermöglichen.
„Ähm, ja…“, murmelte ich. „Hallo.“
Der Teufel erhob sich und schüttelte mir die Hand. „Willkommen in der Hölle.“ Er war schlank und wirkte durchtrainiert, aber nicht übertrieben muskulös. Am auffälligsten war seine dunkelrote Haut. Sein schulterlanges Haar war leicht lockig und pechschwarz. Und die Augenfarbe! Ein leuchtendes Rot!
Bevor Ihr fragt: Die Körpergröße habe ich Euch natürlich auch mitgebracht: 1,82 m.
„Es freut mich, dass Sie das Passwort erkannt haben. Aber so schwer war das ja auch nicht, oder?“ Er wies auf ein riesiges Bücherregal. „Faust. Was hätte ein passenderer Zugangscode sein können? Wussten Sie, dass es mittlerweile 93 Teile dieses Meisterwerks gibt?“
Ich erinnerte mich dunkel daran, dass ich der seltsamen Glaskugel damit gedroht hatte, Bekanntschaft mit meiner Faust zu schließen. Nun ja, was zählt, ist das Ergebnis, oder? „Was soll das heißen, 93 Teile?“ erkundigte ich mich, um vom Thema ‘Kennwort’ abzulenken.
„Nun, Johann Wolfgang von Goethe ist wie jeder hier bestrebt, meine Wünsche zu erfüllen.“ Er lächelte und strich über einige Bücherrücken. Teures Leder, das war offensichtlich. „Und ich war an Fortsetzungen sehr interessiert.“
„Goethe ist hier? In der Hölle?“ fragte ich überrascht. Damit hätte ich nicht gerechnet.
„So ist es.“ Sein Lächeln wurde intensiver, und ich könnte schwören, dass das Rot in seinen Augen leicht flackerte wie… Höllenfeuer.
Während ich den Teufel anstarrte (nicht weil er so gut aussah, nein, natürlich nicht, ich war nur völlig verwirrt, weil Goethe in der Hölle schmoren musste!), trat ein kleiner, magerer Mann an seinen Schreibtisch und verbeugte sich. „Meister. Wenn ich mir den Hinweis erlauben darf… untertänigst… für ein Businessmeeting sind Sie nicht ganz adäquat gekleidet… äh… der Dresscode…“
Luzifer blickte dem Mann kurz ins Gesicht und wandte sich dann an mich. „Sind Sie ebenfalls der Ansicht, dass ich falsch gekleidet bin?“
Dazu muss man wissen, dass der Teufel mit nacktem Oberkörper herumlief, allerdings zum Ausgleich eine teure, schwarze Anzughose trug, und auch mit den auf Hochglanz polierten Schuhen hätte er jederzeit an einer Aufsichtsratssitzung teilnehmen können. Aber wer war ich, dass ich ihn auf diesen seltsamen Stilmix aufmerksam machen sollte? Joop oder Lagerfeld? Außerdem war ich Gast und wusste, was sich gehörte. Also antwortete ich: „Ich habe nichts auszusetzen, Herr… ähm… Fürst der Finsternis…“
„Nennen Sie mich einfach Luzifer.“ Er blickte mir kurz in die Augen, um sich dann wieder dem Hutzelmännchen, welches übrigens ganz perfekt in Nadelstreifenmanagermontur gekleidet war, zuzuwenden. „Sie wissen, was Sie zu tun haben“, sagte Luzifer gelangweilt. Der Kritiker nickte zitternd, ging in eine Ecke und legte sich selbst in Ketten. Dabei wimmerte er leise. Luzifer lächelte kalt und zufrieden.
„Wer ist der Mann?“ fragte ich.
„Das, meine Liebe, ist der Unternehmensberater der mit einigen seiner Artgenossen die gesamte Hölle restrukturiert hat. Bevor Sie zu sehr in Mitleid schwelgen: Der Mann ist für zehntausende von Entlassungen verantwortlich. Ich schätze seine Effizienz, aber manchmal wird er etwas übermütig, und dann wird er bestraft. Dieser Ort hier ist keine Pyjamaparty, auf der sich alle lieb haben!“
„Wenn Sie ihn richtig bestrafen wollen, gründen Sie doch einfach eine florierende Firma und zwingen ihn dazu, Personal einzustellen“, schlug ich vor. „Aber keine unfähigen Banker oder Manager, damit die Strafe ihre volle Wirkung entfalten kann“, ergänzte ich schnell. Der Unternehmensberater schluchzte auf und stammelte um Gnade. „Bitte nicht, keine Neueinstellungen, alles andere, aber nicht das, haben Sie Erbarmen. Lieber esse ich meine Machiavelli-Bücher auf!“
„Erbärmlicher Wicht“, kommentierte der Teufel. „Sie haben jedenfalls Talent“, meinte er zu mir. „Das beweist, dass ich die richtige Wahl getroffen habe. Setzen Sie sich doch.“ Er nahm wieder hinter seinem Schreibtisch Platz und wies auf einen Besucherstuhl. „Lassen Sie uns die Verhandlungen zum Abschluss bringen!“
„Es gibt da ein Problem. Meine Unterhändler haben etwas versprochen, das wir nicht halten können. Wir haben keinen Einfluss darauf, ob die blöde Paris Hilton in die Hölle kommt oder nicht. Ich weiß auch nicht, warum Bill und Lafontainette so einen Schwachsinn versprechen konnten.“
Luzifer machte eine wegwerfende Handbewegung. „Die Hilton wird auf jeden Fall in die Hölle kommen. Das ist kein Problem. Mein Sohn war leider nicht fähiger als Ihre Unterhändler. Ich freue mich schon darauf, Miss Hilton Tag und Nacht mit einem Haufen Philosophinnen und Politikerinnen in eine Bibliothek einzusperren. Kommen wir nun zu meinen Forderungen: 1. Sie laden mich zu einem Besuch auf der Erde ein und zeigen mir einiges. Ich brauche etwas Abwechslung. 2. Sie werden, nachdem auch Sie zwangsläufig irgendwann hier landen werden, meine Assistentin. Sind Sie damit einverstanden?“
„Hm… Sie würden bei uns auf der Erde aber extrem auffallen. Na ja, vielleicht geht zur Karnevalszeit was in der Hinsicht. Und zu 2., ist damit so was wie Sekretärin gemeint? Dafür bin ich völlig unbegabt, ich habe schon in der Irrenanstalt einen Boss in den Wahnsinn getrieben. Und das nur als Urlaubsvertretungs-Sekretärin. Dafür aber in Rekordzeit! Musste ja auch, Urlaubsvertretungen dauern nur maximal drei Wochen.“
„Das ist mir bekannt. Steht alles in Ihrer Akte. Nein, Sie sollen so etwas wie meine Stellvertretung werden. Wissen Sie, wie lange ich keinen Urlaub hatte? Jeder Gewerkschafter würde weinen. Sie zögern? Lassen Sie uns doch einen kleinen Rundgang machen, dann zeige ich Ihnen das Höllensegment, in dem Sie landen würden, falls Sie mein großzügiges Angebot ausschlagen. Das wird Sie sicher überzeugen.“ Er erhob sich und bedeutete mir, ihm zu folgen. Schon nach wenigen Schritten standen wir draußen, links und rechts die riesigen Gebäude aus Stahl, die mir schon von meinen beiden unfähigen Unterhändlern beschrieben wurden. Der Teufel hatte ein Gerät, das Ähnlichkeiten mit einem Navigationsgerät hatte, in der Hand. „Schauen wir uns doch mal dieses hier an“, murmelte er und tippte auf das Display. Sofort befanden wir uns in einem der Gebäude. Luzifer wies mit einem Finger in ein karg eingerichtetes Zimmer, in der mehrere Personen unruhig hin und hergingen. Ab und zu traten sie an Schreibpulte und notierten etwas. Ich erkannte Mozart, Bach und Beethoven.
„Mir ist schleierhaft, warum diese großen Komponisten in der Hölle schmoren müssen. Aber was ist deren Strafe?“, fragte ich. Ich konnte keine grausamen Foltermethoden entdecken, allerdings sahen die Gesichter der Musiker verzweifelt aus.
„Diese Damen und Herren hier haben einige Folgen einer bestimmten Sendung, die sich der Suche nach Superstars verschrieben hat, ansehen müssen. Sie wurden dazu verurteilt, die Noten aller dort vorgetragenen Lieder fein säuberlich zu notieren. Falls mir nach etwas Spaß zumute ist, lasse ich auch schon mal die Modern-Talking-CDs einlegen. Sobald Bohlen hier eintrifft, werde ich ihn sämtliche Regierungserklärungen von Helmut Kohl einsingen lassen. Abwechslung ist wichtig, damit die Delinquenten nicht abstumpfen.“
„Uuh… Teuflisch. Was ist bloß aus dem guten alten Fegefeuer geworden? Und was hat das mit mir zu tun? Ich kann keine einzige Note schreiben!“
„Nicht so ungeduldig, wir möchten doch die Spannung etwas steigern, oder? Das Feuer vermisse ich in der Tat übrigens hin und wieder. Aber dort musste jeder einzeln… behandelt werden. Mit dieser Methode werden gleich mehrere Delinquenten aufs Trefflichste versorgt.“ Der Teufel tippte wieder auf das Display seines Höllennavi-Gerätes. Wir landeten vor einem anderen Zimmer. Mehrere Männer stritten sich lauthals. „Das ist eine meiner Kriegstreiberabteilungen. Davon gibt es hier unten ziemlich viele. Der Nachschub reißt nicht ab. Die Herren pflegen nicht gerade harmonische Umgangsformen, hm?“ Der Teufel betrachtete das Treiben einige Minuten lang amüsiert.
„Warum streiten die sich? Und womit werden die bestraft?“, fragte ich schließlich.
„Streiten? Das sind doch nur ein paar kleinere Diskussionen um die richtige Futtermenge für die Friedenstauben. In zwei Stunden werden sie wieder gemütlich in ihren Einzelzellen sitzen und rosafarbene Plüschpinguine stricken. Im Hintergrund laufen die Reden sämtlicher Friedensnobelpreisträger in Endlosschleife. Und wer diese nicht fehlerfrei rezitieren kann, muss… aber lassen wir das, ich möchte Sie nicht zu sehr erschrecken.“
Ich war entsetzt, denn dass ich ausgerechnet in der Kriegstreiberrubrik landen würde, hätte ich nicht gedacht. Vielleicht lag es an meiner riesigen Hasenarmee? „Was für eine Strafe? Falls ich Ihre Assistentin werde, muss ich doch mit so was auch umgehen können“, argumentierte ich.
Luzifer nickte. „Wohl wahr. Mahatma Gandhi, Mutter Teresa und ähnliche leuchtende Gestalten der Menschheitsgeschichte sind Ihnen sicher ein Begriff?“
„Natürlich!“ Mir gefiel nicht, wie verächtlich er „leuchtende Gestalten“ aussprach.
„Wer von den Herren oder auch vereinzelt Damen mein Missfallen erregt, bekommt eine Einladung zum Kaffeekränzchen mit den beiden. Grausam, nicht wahr? Ich freue mich übrigens schon auf die Ankunft Nelson Mandelas. Ab und zu bedarf es einer Auffrischung.“
„Das ist doch Schwachsinn! Gandhi und Mutter Teresa können unmöglich in der Hölle gelandet sein! Sie reden über Kopien, Roboter oder so was in der Art, hoffe ich?“
„Nein. Außerdem schätze ich es nicht, wenn man mir unterstellt, Schwachsinn zu reden. Ich zeige Ihnen nun Ihr mögliches Schicksal.“ Er tippte wieder auf sein Navigerät und wir landeten in einer kahlen Zelle. Meine Erleichterung, doch nicht bei den Kriegstreibern zu landen, wich schnell nacktem Entsetzen.
„Keine Musik. Keine Bücher“, erläuterte Satan. „Ihre Nahrung wird aus Rosenkohl bestehen. Und das Schönste…“ an dieser Stelle drückte er mich an die weiße Wand und blickte mir drohend in die Augen, „…ich werde hier eine Kopie der Irrenanstalt bauen lassen, und glauben Sie mir, mit Fünfzig-Stunden-Wochen wird es hier nicht getan sein. Überflüssig, dass ich Ihnen vor allem die von Ihnen nicht ganz so sehr geschätzten Kollegen und Vorgesetzten zuordnen werde. Und Sie werden als Sekretärin arbeiten. Vollzeit das ganze Jahr über.“ Er lachte selbstgefällig. Der Triumph eines Siegers.
Ich räusperte mich. „Okay, als Ihre Assistentin werde ich also unbegrenzten Zugang zu Literatur und Musik haben, es wird XXL-Caipi geben und natürlich ausreichend Nougat. Keine Sekretariatsarbeit! Ich möchte außerdem Mitbestimmung darüber, wer wie bestraft wird. Ich werde mehr zu sagen haben als die Unternehmensberater. Die restlichen Punkte reiche ich nach.“ Mehr fiel mir nämlich gerade nicht ein, aber ich war bestrebt, Maximalforderungen zu stellen. Das macht man so. Als künftige Weltherrscherin weiß ich so was. Zu meiner Überraschung nickte Luzifer.
„Einverstanden. Also lassen Sie uns unseren Pakt besiegeln. Die Art und Weise, wie das zu geschehen hat, ist Ihnen sicherlich bekannt?“
Ich war kurz vorm Ziel!
Lesen Sie das nächste Mal, wie Pakte mit dem Teufel besiegelt werden. Und was wird seine Gegenleistung sein?










